«Lesben, Schwule, zeigt euch»

«Aargauer Zeitung» vom 10.10.2006, S.32

KATJA BAIGGER

2007 tritt das Partnerschaftsgesetz in Kraft. Doch Lesbenorganisationen wollen mehr: die Adoption.

«Lesben, Schwule, zeigt euch», fordern die Organisatoren des morgigen Coming-out-Days: Coming-out wird der Zeitpunkt genannt, an dem Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit zu ihrer Homosexualität stehen. Der Coming-out-Day hat seinen Ursprung in Washington. Am 11. Oktober 1987 demonstrierten Lesben und Schwule für ihre Rechte. Seither wurde der Tag jährlich wiederholt, aber nicht mehr als Demonstration. In der Schweiz wird der Tag seit 1991 begangen.

AM 1. JANUAR 2007 tritt das Partnerschaftsgesetz in Kraft. Noch nie war die Lebensform von Schwulen und Lesben in derart breiter Form anerkannt. Wozu braucht es also zusätzlich zum Christopher-Street-Day noch einen Coming-out-Day? Moël Volken, Geschäftsleiter der Schwulenorganisation Pink Cross, erklärt: «Am Christopher-Street-Day demonstrieren alle in Zürich, man soll aber auch auf dem Land sehen, dass es uns gibt.» Die Abstimmung zum Partnerschaftsgesetz habe gezeigt, dass immer noch 40 Prozent der Bevölkerung Mühe mit Schwulen und Lesben hätten. Dies spüren vor allem Jugendliche, die noch vor dem Outing stehen. Volken erwähnt eine Studie aus der Romandie. Unter den schwulen Jungen ist die Selbstmordrate bedeutend höher als bei heterosexuellen: Jeder vierte schwule Junge hat einen Selbstmordversuch hinter sich.

Die Forderung, dass schwule und lesbische Paare Kinder adoptieren dürfen, steht noch im Hintergrund. «Bei uns Männern ist Adoption kaum ein Thema», sagt Moël Volken. Bei der Lesbenorganisation LOS sieht das anders aus. Präsidentin Brigitte Röösli sagt: «Viele lesbische Frauen haben eigene Kinder, darum werden wir die Adoption fordern.»

Vorerst geht es auch den Lesben um die vollständige Akzeptanz der Homosexuellen am Arbeitsplatz und in der Schule. Laut Röösli wird in keinem Kanton Homosexualität im Lehrplan neutral behandelt. «Homosexualität wird nur negativ, im Zusammenhang mit Aids erwähnt.» Darum sei das Thema gleichgeschlechtliche Liebe im Lehrplan derzeit das wichtigste Politikum. Die Berufsschullehrerin erlebt selbst immer wieder Situationen, in denen sie andere mit ihrem Outing irritiert. «In der Schule will ich keine Lämpen. Darum erzähle ich meinen Schülern nicht von den Ferien mit der Partnerin.»

WENN DIE LEHRER Homosexualität an den Schulen nicht thematisieren, so tun es inzwischen die Schüler. Ruben Ott, 21, hat an den Kantonsschulen Baden und Olten vor zwei Jahren den Verein HalloWelt! ins Leben gerufen. «Wir wollen für homosexuelle Gymi-Schüler ein freundliches Klima schaffen.» Besonders an der Kantonsschule Baden stiessen die Schüler damit auf positive Reaktionen bei der Lehrerschaft. «Leider sind am diesjährigen Coming-out-Day Schulferien.» Dennoch wird Ruben Ott morgen den Partnerschaftsgesetz-Pin tragen.