Viel Staub aufgewirbelt

SCHINZNACH-DORF Homosexualität bei «Schweizer Jugend forscht» thematisiert

«Aargauer Zeitung» vom 23.5.2006, Regionalteil

DANIEL WAGNER

Ivo Colombo hat es an den 40. Jungforscherwettbewerb von «Schweizer Jugend forscht» geschafft. Er befasste sich mit der Akzeptanz von Homosexuellen an den Aargauer Kantonsschulen. Seine Arbeit liefert interessante Erkenntnisse auf wissenschaftlicher Basis. Reaktionen blieben nicht aus.

«Über das von der Stiftung ‹Schweizer Jugend forscht› (SJf) verliehene Prädikat ‹Sehr gut› freue ich mich sehr», sagt der 20-jährige Ivo Colombo aus Schinznach Dorf. Seine Wettbewerbsarbeit «Das Verhältnis von Kantonsschülerinnen und Kantonsschülern zur Homosexualität: Status Quo und Massnahmen zur Verbesserung der Akzeptanz von Schwulen und Lesben» wurde bereits an der Neuen Kantonsschule Aarau ausgezeichnet. Die Aargauische Kulturstiftung «Pro Argovia» würdigte sie zudem als eine der besten fünf Maturarbeiten.

427 SCHÜLER BEFRAGT

Die SJf-Expertin Simone Brander, Mitwirkende in den Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HAZ) hob das grosse Engagement des Jugendlichen hervor: «Er hat versucht, mit geeigneten Massnahmen die an den Kantonsschulen vorgefundene Situation zu verbessern.» Zivilcourage gehörte bei dieser innovativen Umsetzung zweifellos dazu, um etwas zu bewirken. «Mit der Thematik verbunden war auch mein persönliches Coming-out im Alter von 17 Jahren.»

Ivo Colombo erarbeitete einen Fragebogen. Mit insgesamt 14 Fragen wollte der Jungforscher von Schülerinnen und Schülern mehr erfahren. Was wissen sie über die Homosexualität? Wie denken sie darüber, welches sind ihre Erfahrungen? Im Interesse aussagekräftiger Antworten wählte der Jugendliche den Weg über die Lehrerschaft. «Ich wandte mich schriftlich an 77 Klassenlehrerinnen und -lehrer an der Kantonsschule Baden und an der Neuen Kantonsschule Aarau mit der Bitte, die Umfrage im Rahmen des Schulunterrichts durchzuführen. Mit dem Rücklauf von 427 Fragebogen war ich sehr zufrieden. Insgesamt 21 Klassen hatten an meiner Befragung teilgenommen.»

Erfolgreicher Jungforscher: Ivo Colombo vor seiner PR-Aktion «Hallo Welt!» DW

AKZEPTANZ, ABER AUCH ABLEHNUNG

Auf dem Fragebogen konnten die Jugendlichen zwischen mehreren vorgegebenen Antworten wählen. Bei der Beurteilung der Homosexualität gaben 12 Prozent an, sie sei unnatürlich. 8 Prozent kreuzten die Option «abartig, widerlich» an. 30 Prozent sprachen von einer alternativen Lebensform, die zu tolerieren sei, während 49 Prozent die Homosexualität der Heterosexualität gleichstellen. «Wie würdest du reagieren, wenn sich dein bester Freund oder deine beste Freundin bei dir als schwul beziehungsweise lesbisch outen würde?» Auf diese Frage gab es ganz unterschiedliche Reaktionen. 45 Prozent gaben an, im ersten Moment verwirrt zu reagieren. 29 Prozent der Befragten würden ein Coming-out als Vertrauensbeweis werten. Aus der Auswertung geht ferner hervor, dass bei Menschen, die Homosexuelle in ihrem Bekanntenkreis haben, die Akzeptanz tendenziell grösser ist. Ivo Colombo folgert: «Deshalb wäre es wichtig, dass sich viele Schwule und Lesben outen würden, um somit ihrem Umfeld die Möglichkeit zu geben, Vorurteile abzubauen.»

«HALLO WELT, DA SIND WIR!»

Ivo Colombo lancierte neben der Umfrage mit repräsentativem Charakter ebenfalls seine PR-Aktion namens «Hallo Welt!» im Interesse einer – wie er selber sagt – notwendigen Aufklärungsarbeit. Mit dem vom ihm erarbeiteten Corporate Design präsentiert sich dieser Auftritt äusserst professionell. Geradezu provokativ, herausfordernd und nachdenklich stimmend lesen sich die 20 plakativen Sprüche auf den Flyern und Plakaten: «Schwule erkennt man an ihrem Gang.» – «Lesben sind Frauen, die keine Männer kriegen.» – «Schwule und Lesben sind schlechte Eltern.» Mittlerweile ist aus der Aktion der Verein «Hallo Welt!» hervorgegangen, dem gegenwärtig rund 45 Jugendliche und Gönner angehören. Er ist hauptsächlich an der Kantonsschule Baden aktiv.

Nicht schubladisiert

Ivo Colombo zu seiner erfolgreichen Arbeit

«Der grosse Aufwand hat sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Die Auseinandersetzung mit dem Thema half mir persönlich weiter. Dazu kam das Erlernen von wissenschaftlichen Methoden.» Die Sensibilisierung an den Schulen und in der Öffentlichkeit war für den engagierten Jugendlichen sehr wichtig. Das ganze Projekt habe ganz schön viel Staub weit über die Grenzen der Schulen aufgewirbelt. «Es gab sowohl positive als auch negative Reaktionen. Auch am Wettbewerbsfinale in Basel führte ich angeregte Gespräche mit interessierten Menschen.» Der angehende Informatikstudent sagt: «So macht Forschen Spass. Zu wissen, etwas bewirkt zu haben, ermutigt mich ungemein, an der Thematik dran zu bleiben. Meine Arbeit ist somit nicht einfach in irgendeiner Schublade verstaubt.» (dw)