Das Comingout in der Schule erleichtern

«Tages-Anzeiger» vom 26.4.2006, Seite 20

An der Kantonsschule Baden engagiert sich eine Gruppe von Schülern für ein «schwulen- und lesbenfreundlicheres Klima». Ihr Verein «HalloWelt!» kommt nicht überall gleich gut an.

Von Ralf Kaminski

Baden. – «Heterosexistisch» nennen Ivo Colombo (20) und Ruben Ott (21) das Leben an der Mittelschule. Sie sind beide schwul und haben sich während ihrer Schulzeit in ihren Klassen geoutet – Ott in der Kanti Baden, Colombo in der Neuen Kanti Aarau. Leicht war das nicht; lange war da die bange Frage, wie wohl die anderen darauf reagieren würden. Colombo hatte gar psychische Probleme, auch weil er sich hoffnungslos in einen Hetero verliebte, und war eineinhalb Jahre in psychologischer Behandlung.

Als sie es schliesslich wagten, stellten sie fest: So dramatisch ist es gar nicht. «Es gibt schon ein paar, die Mühe damit haben», sagt Ott, «die ignorieren das einfach oder wechseln rasch das Thema.» Colombo machte ähnliche Erfahrungen – und noch ein paar mehr: «Am stärksten haben die freikirchlich Engagierten reagiert. Einer sagte mir, es sei schade um mich, und bot an, mir ein Buch zu schenken, einen Ratgeber, wie man durch den Glauben von Homosexualität geheilt werden kann.» Insgesamt aber ist ihr Comingout akzeptiert worden. Alles in Butter also? Eben nicht.

Ott und Colombo möchten, dass künftige Generationen von Kantonsschülern es leichter haben, dass die Mittelschulwelt etwas weniger «heterosexistisch» wird, dass Homosexualität im Unterricht und auf dem Pausenplatz ein Gesicht erhält. Rund fünf Prozent aller Menschen sind schwul oder lesbisch, und für die meisten ist ihre sexuelle Orientierung genau in jener Zeit erstmals ein Thema, in der sie die Mittelschule besuchen. Doch oft erleben sie dort nur etwas: dass das Wort «schwul» als Schimpfwort verwendet wird. Wenn sie Glück haben, kommt Homosexualität im Deutschunterricht vor, bei der Lektüre eines Buchs, oder in der Biologie. Doch nirgends in der Schweiz gibt es Lehrpläne, die zur Behandlung dieses Themas verpflichten (siehe Kasten rechts), es bleibt also ganz den Lehrkräften überlassen.

Basis: Eine prämierte Maturarbeit

Ivo Colombo und Ruben Ott wollen nun zumindest eine Klimaänderung erreichen und haben im letzten Herbst an der Kantonsschule Baden den Verein «HalloWelt!» gegründet, zusammen mit drei Mittelschülerinnen von Baden und Olten. Das Konzept dafür hatte Colombo zuvor an der Neuen Kanti Aarau als Maturarbeit entwickelt – dazu gehörte auch das Gestalten von Flyer und einer Homepage. Die Arbeit ist von der Schule als eine der drei besten 2005 ausgezeichnet worden und später als eine der fünf besten im ganzen Kanton Aargau. Derzeit steht sie national im Wettbewerb mit 46 weiteren Arbeiten bei «Schweizer Jugend forscht».

Auch Heteros machen mit

Der Verein ist absichtlich sehr offen und richtet sich explizit auch an Heterosexuelle. Aktivmitglieder können nur Kantonsschüler sein, Passivmitglied oder Gönner hingegen können alle werden, die das Ziel unterstützen, Vorurteile gegenüber Lesben und Schwulen an den Mittelschulen abzubauen und ein Klima der Akzeptanz zu fördern. Der Verein hat derzeit rund 30 Mitglieder, davon die Hälfte aktiv – die meisten aus der Kanti Baden, andere von der Neuen Kanti in Aarau und der Kanti Olten. Darunter auch einige Heteros, vor allem Freunde der homosexuellen Mitglieder. Im Moment ist der Verein vor allem in Baden aktiv, aber die Fühler nach Aarau und Olten sind ausgestreckt.

Wenn das Wort «schwul» in der Schule mal auftaucht, dann vor allem als Schimpfwort.

Kürzlich hat «HalloWelt!» in Olten im Jugendkulturhaus Färbi einen Anlass zum Kennenlernen durchgeführt, der allerdings nicht besonders gut besucht war. «Wohl auch, weil die Färbi zu weit weg von der Kanti ist», sagt Ruben Ott. Eigentlich wollten sie sich auf dem Schulgelände vorstellen, doch wurde ihnen das von der Schulleitung untersagt – sie durften nur gerade ein Plakat aufhängen. «Wir möchten nicht, dass Veranstaltungen für Einzelanliegen bei uns stattfinden» , begründet Rektor Bruno Colpi die Absage. Dies habe nichts mit dem Thema zu tun, sondern gelte für alle Sonderaktionen. Dass Homosexualität bei einigen der 1100 Schülerinnen und Schüler «ein Thema sein kann» , sehe er schon, sagt Colpi, «aber es ist eines von vielen».

Anders reagierten die Schulleitungen in Baden und Aarau. «Ich finde es mutig, was sie machen» , sagt Hansrudolf Stauffacher, Rektor der Kantonsschule Baden. «Und unter den 1000 Schülern an unserer Schule gibts sicher auch einige Schwule und Lesben.» Stauffacher findet den Verein «eine gute Sache» und sieht nicht den geringsten Grund, «HalloWelt!» Steine in den Weg zu legen. Im Gegenteil: «Würden sie deswegen diskriminiert werden, würde ich mich für sie einsetzen.» Er lehnt Schüleraktionen auf dem Gelände nur dann ab, wenn es «Richtung Sekte oder politische Propaganda» geht.

«Es gibt uns, und es ist kein Problem»

Auch Daniel Bürgisser, der in der Schulleitung der Neuen Kanti Aarau sitzt und Colombos Maturarbeit betreut hat, findet es wichtig, dass Homosexualität thematisiert wird. «Die Schule steht voll hinter dem Projekt.» Das Problem sei vor allem, dass Jugendliche Mühe hätten, sich zu outen. «Und wenn sie sich verlieben, tun sie das meist in Heteros – das führt dann natürlich zu Problemen.»

Die Aktivitäten von «HalloWelt!» beschränken sich bisher auf kleinere Aktionen. Zum Comingout Day letzten Herbst haben Vereinsmitglieder morgens auf dem Badener Schulgelände Flyer verteilt, am Kanti- Ball haben sie die Garderobe der Tänzerinnen und Tänzer betreut. «Wir wollen mitmachen im Schulalltag», sagt Ruben Ott, «Präsenz zeigen und so signalisieren: Es gibt uns, und es ist kein Problem.»

Zeigen Präsenz: Die beiden schwulen Mittelschüler Ivo Colombo (links) und Ruben Ott an der Kantonsschule Baden. BILD RETO OESCHGER

Sexuelle Orientierung soll auch im Unterricht ein Thema werden

Zürich/Bern. – Nach dem Erfolg mit dem Partnerschaftsgesetz letztes Jahr steht das Thema sexuelle Orientierung und Schule ganz weit oben auf der Agenda der Schweizer Schwulen- und Lesbenorganisationen. Laut Moël Volken von Pink Cross werden derzeit sämtliche Lehrpläne der Schweiz durchforstet. «Nirgends gibt es die Verpflichtung, Homosexualität zu thematisieren», sagt Volken, «aber viele Lehrpläne lassen es den Lehrern frei, dies zu tun. Passieren tut es kaum.» Letzten Dezember hatte Pink Cross alle Erziehungsdirektoren der Schweiz zu einer Konferenz eingeladen – am Ende war nur der Kanton Zürich mit einer Delegation vertreten. Volken findet das Desinteresse insbesondere deshalb unverständlich, weil Studien zeigten, dass es unter homosexuellen Jugendlichen eine viermal höhere Selbstmordrate gebe. Umso erfreulicher findet er den neuen Verein «HalloWelt!» an der Kantonsschule Baden (siehe Haupttext): «Das ist echte Pionierarbeit.» Volken weiss von keinen vergleichbaren Aktionen an Schweizer Schulen.

Auch im Kanton Zürich scheint es nichts Derartiges zu geben – zumindest hat man weder bei der Bildungsdirektion noch bei Impuls Mittelschule, der Stelle für Öffentlichkeitsarbeit der Zürcher Mittelschulen, je so etwas mitbekommen. Und obwohl Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) sich vor knapp zwei Jahren an einer Podiumsdiskussion sehr offen gezeigt hatte, das Thema Homosexualität in Lehrplänen und - büchern zu verankern, ist bis heute nichts geschehen, wie Regine Fretz sagt, Leiterin der Abteilung Pädagogisches in der Bildungsdirektion. «Der Lehrplan lässt das Thema zu, und es kommt auch in einigen Lehrbüchern vor – allerdings sind die alle nicht obligatorisch.»

Der in der kantonalen Bildungsdirektion für das Thema zuständige Mitarbeiter ist vergangenen Herbst überraschend verstorben, die Stelle seither nicht wieder besetzt worden. Und auch Regine Fretz wird demnächst pensioniert. «Es wird von unseren Nachfolgern abhängen, was sich in dieser Frage weiter entwickelt» , sagt Fretz. Zudem gebe es derzeit auf eidgenössischer Ebene Bestrebungen, einen einheitlichen Lehrplan für alle Kantone zu entwickeln – das werde wohl nun zunächst mal abgewartet.

Der Zürcher Christopher Street Day (CSD) am 10. Juni widmet sich dieses Jahr ebenfalls dem Thema. Motto: «Akzeptanz macht Schule!» (rk)