Ruf aus der Kanti Baden: «Hallo Welt!»

Erstmals thematisiert im aargauischen Baden ein Schülerverein Homosexualität in der Mittelschule

Cruiser, Ausgabe April 2006

Roman Ulrich

Was mit einer Maturaarbeit zum Thema Homosexualität an der Neuen Kantonschule Aarau begann, hat sich inzwischen von Baden aus zu einem schweizweit einzigartigen Projekt entwickelt. «Hallo Welt» will die heterosexuellen Mitschüler(innen) ansprechen und einen Zugang zum Thema gleichgeschlechtliche Liebe im Alltag schaffen.

Unter dem Motto «Schüler informieren Schüler» haben sich am 8. September 2005 rund 25 Aargauer Kantischüler(innen) in einem Verein zusammengeschlossen, um das Tabu Homosexualität an der Schule zu durchbrechen und das Thema jenseits von Gekicher, Gespött und peinlichem Schweigen in den Schulalltag zu integrieren. Im Vordergrund stehen dabei nicht zuletzt die heterosexuellen Mitschüler(innen), denen jenseits der oft moralinsauren Pflichtübung des Sexualkundeunterrichts ein alltäglicher Zugang zum Thema «Gleichgeschlechtliche Liebe» ermöglicht werden soll. Cruiser sprach mit Ruben Ott (20) und Ivo Colombo (19) von «HalloWelt!». Ruben, an der Kantonsschule Baden, ist Vereinspräsident und Ivo Colombo, ehemals Neue Kantonsschule Aarau, Vize-Präsident von «HalloWelt!»

"Wir wollen das Klima für alle verändern", haben sich die Schüler Ruben Ott und Ivo Colombo vorgenommen und sprechen vor allem die heterosexuellen Mitschüler an.

Dezente Aktionen für die Mitschüler

Im Unterschied zum bereits bestehenden Schulprojekt ABQin Bern oder den Schulbesuchen des Vereins «FreundInnen und Eltern von Lesben und Schwulen FELS», versucht HalloWelt! die Akzeptanz von Schwulen und Lesben in der Mittelschule aus den eigenen Reihen hinaus und ohne initiierende Intervention einer Lehrperson zu verbessern. Ziel ist es, das Klima von innen für alle zu verändern, heterosexuelle Vereinsmitglieder sind denn bei HalloWelt! auch ausdrücklich willkommen. Bisher hat der junge Verein vor allem durch unaufdringliche Präsenz versucht, auf seine Anliegen aufmerksam zu machen: So wurden etwa am Coming Out-Tag Farmer-Stengel an die Mitschüler(innen) verteilt oder am Kantiball die Garderoben betreut. Mit diesen dezenten Aktionen möchten Ruben Ott und Ivo Colombo zunächst einmal Diskussionen auslösen: «Damit bricht man am leichtesten Tabus. Und wenn die Tabus erstmal gebrochen sind, steht dem lockeren Umgang mit dem Thema Homosexualität eigentlich nichts mehr im Weg.»

Schützenhilfe vom Rektor

Unterstützt werden die selbstbewussten Gymnasiasten von der Leitung des Kanti-Foyers, eines von der Kirche betreuten Schülertreffs, in dem die Gründungsversammlung des Vereins HalloWelt! abgehalten wurde und in dem sich jeweils auch der Verein Aargay trifft. Auch beim Rektor der Kantonsschule Baden stiess das Projekt auf keinerlei Vorbehalte. «Er findet es super, was wir machen und forderte uns auf, allfällige Störenfriede unserer Aktion gleich bei ihm vorbeizuschicken», so Ruben mit einem Augenzwinkern. Dass dies allerdings nicht selbstverständlich ist, zeigt der Fall einer anderen Kantonsschule, deren Namen Ruben und Ivo lieber nicht im Cruiser lesen möchten. Dort versuchte eine lesbische Schülerin nach Aarauer Vorbild im Vorfeld der Abstimmung zum Partnerschaftsgesetz eine Flyer- und Plakataktion durchzuführen, was aber von der Schulleitung im Sinne eines Verbots politischer Propaganda untersagt wurde. Unter fadenscheinigen Gründen ist die betreffende Schülerin auch nach wiederholtem Vorsprechen bei der Schulleitung abgeblitzt: Man könne nicht die Bedürfnisse aller Schüler berücksichtigen und das Thema werde in den Medien schon genügend thematisiert. Nichtsdestotrotz häufen sich bei HalloWelt!-Präsident Ruben die Anfragen von anderen Schweizer Gymnasiasten, die an ihren Schulen Handlungsbedarf sehen.

Unter der Schülerschaft der Kantonsschule Baden blieb Kritik am schwullesbischen Projekt weitgehend unausgesprochen, wie Ivo anmerkt: «Zwar gab es im Gästebuch der Website ein paar wenige kritische Einträge und einige Mitschüler(innen) konnten mit der ganzen Aktion HalloWelt! überhaupt nichts anfangen, die Mehrheit der Leute aber hat den politisch korrekten Umgang mit diesem Thema offenbar begriffen.» Auch das private Umfeld der zwei Gymnasiasten reagierte gelassen auf die Publizität, die dem Projekt in der lokalen Presse zu Teil wurde. Ivo meint, dass seine Eltern fast ein bisschen stolz auf das aus seiner Maturaarbeit hervorgegangene Projekt seien. Wenn man die beiden Kantischüler mit der grössten Selbstverständlichkeit über ihre frühen Coming Outs in Familie und Schule erzählen hört, ist man sich sicher, dass ihre Aktionen – im Gegensatz zu denjenigen so vieler Biologielehrer dieses Landes – auch in naher und ferner Zukunft nicht für rote Köpfe sorgen dürften.